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Zeitgeschehen

„Jetzt in den Zeiten der Krise, merkt man, wie sehr das Verständnis für die kulturelle Diversität fehlt. Die Griechen hatten in den Zeiten des europäischen Wachstums ein enges Verhältnis zu den Deutschen. Jetzt sind sie empört, weil die Deutschen sie mit Arroganz behandeln“.

(Petros Markaris, griechischer Schriftsteller, seine Eindrücke bei einem Spaziergang in Athen, nachzulesen in derEuorpa-Beilage der SZ, 26. Januar 2012);

Nachzulesen: http://www.sueddeutsche.de/politik/reise-des-schriftstellers-petros-markaris-die-krise-hat-das-letzte-wort-1.1267452

Vielleicht wird die EU am Ende den vielbeschworenen Dominoeffekt in Bezug auf die Schuldenkrise Griechenlands höchstselbst ausgelöst haben. Sehen wir dazu einmal zurück: Im Grunde genommen leitete die EU-Troika die Trauerarbeit selber ein: denn die Trauer über einen Staat, der „verloren“ hat, setzte bereits mit der frühzeitigen  Kommunikation und den gezielten Zeichen, die die EU-Troika setzte (harte Auflagen zur Entschuldung) bzw. solchen, die sie (Signal an die Wertegemeinschaft) in eine andere Richtung nicht setzte.

Die EU-Troika führte ein rigoroses ökonomisches Patronat, wir wissen es. Zeitweilig wollte man Griechenland sogar einen Sparkommissar ins Land schicken und vor allem hörte man nicht auf, immer wieder  von einer möglichen Pleite zu reden. Diese Nachrichten ließen die Versuche der Troika ganz zwangsläufig bald nur noch als Reanimationsversuche an einem Staat erscheinen, der sich bereits überlebt haben sollte. Griechenland hatte sich dieser Logik zufolge schon selbst abgeschafft – dafür sorgten aber Andere und Anderes und das Verwerfliche daran ist, dass die EU all dies durch eine Art kommunikativen Super-Gau strapaziert hat.

Da die Troika so streng verbal exekutierte, verlor Griechenland seinen Wert. Während man so auf Hellas blickte, entsorgte man das Schicksal der griechischen Bürger gleich mit. Die schöne Erfahrung, die südlichen Länder wie Griechenland als Horte „seeliger Sehnsucht“, als Orte zur Senkung der Arbeitsmoral zu sehen – man mag sich an die  Anekdote Heinrich Bölls erinnern -, dieser schwelgende Zeitbetrachtung hat sich nun endgültig abgeschafft.

Die Bürger der EU werden nun gar nicht mehr zueinander finden und so wird alles kommen wie es die Exekutive der EU angestoßen hat. Nur das nun der Dominoeffekt zu erwarten ist, von dem man immer sprach, den man jetzt aber selbst anstieß: In Athen wuchs die Empörung, man wählte Tsirpas, dieser wendete sich empört von den fiskalpolitischen Auflagen ab, daraufhin mehrten sich die Anzeichen erster Kapitalflucht. Die Investoren haben begonnen, ihr Geld von den griechischen Banken abzuziehen und in anderen südlichen Länden passiert dieser Tage gerade Ähnliches. Von Schicksalswahlen im Juni in Athen muss man also nicht mehr reden! Ebenso wenig muss man nicht lange darüber mutmaßen, wer dies alles mit verursacht hat!


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Wenn man sich einmal fragt, ob die Demonstranten am Zuccoti Park im Finanzdistrikt von Manhattan einen ähnlichen Protestwillen zeigen wie derzeit die aufgelaufene Menge am Platz der Frankfurter Zentralbank (Occupy Frankfurt), dann bleibt erst einmal festzustellen, dass die Gesellschaft in den USA sicherlich noch tiefer gespalten, die Schere zwischen poor and rich people ungleich größer ist: Aus diesen Gründen war die OWS-Bewegung im Big Apple gleich zu Beginn auch von den Bestrebungen der Gewerkschaften flankiert. Dennoch gibt es auch hier keinen hitzigen Aktivismus, direkte Demokratie wird täglich in der General Assembly praktiziert, einen übergeordneten Sprecher hat man gar nicht erst auserkoren. Und in Europa? Eine erstaunliche Analogie: Die Occupy-Bewegung teilt auch hier einen gemeinsamen und gleichen Zeichenvorrat für jede noch so kleine Kommunikationsgeste. Einige sprachen in der Tat davon, dass die Bewegung unschuldig sein soll! 

Vom Charakter ist der geordnete Protest kaum unterscheidbar von einem “stille Stimmen”-Prostest: Wollte man hier eine sich ins Innere zurückziehende Gesellschaft beobachten, so hätte selbst diese Interpretationsrichtung ihren berechtigten Reiz. Auch wenn die vielen Menschen in NYC ein bewegendes Bild der Mitmenschlichkeit transportieren, so fehlt dieser Bewegung derzeit doch eine kraftvoll inhaltlich geeinte Basis der Gemeinschaftsbildung mit einem gut verwurzelten und artikulierten Ideenverständnis.

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