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Wenn man sich einmal fragt, ob die Demonstranten am Zuccoti Park im Finanzdistrikt von Manhattan einen ähnlichen Protestwillen zeigen wie derzeit die aufgelaufene Menge am Platz der Frankfurter Zentralbank (Occupy Frankfurt), dann bleibt erst einmal festzustellen, dass die Gesellschaft in den USA sicherlich noch tiefer gespalten, die Schere zwischen poor and rich people ungleich größer ist: Aus diesen Gründen war die OWS-Bewegung im Big Apple gleich zu Beginn auch von den Bestrebungen der Gewerkschaften flankiert. Dennoch gibt es auch hier keinen hitzigen Aktivismus, direkte Demokratie wird täglich in der General Assembly praktiziert, einen übergeordneten Sprecher hat man gar nicht erst auserkoren. Und in Europa? Eine erstaunliche Analogie: Die Occupy-Bewegung teilt auch hier einen gemeinsamen und gleichen Zeichenvorrat für jede noch so kleine Kommunikationsgeste. Einige sprachen in der Tat davon, dass die Bewegung unschuldig sein soll! 

Vom Charakter ist der geordnete Protest kaum unterscheidbar von einem “stille Stimmen”-Prostest: Wollte man hier eine sich ins Innere zurückziehende Gesellschaft beobachten, so hätte selbst diese Interpretationsrichtung ihren berechtigten Reiz. Auch wenn die vielen Menschen in NYC ein bewegendes Bild der Mitmenschlichkeit transportieren, so fehlt dieser Bewegung derzeit doch eine kraftvoll inhaltlich geeinte Basis der Gemeinschaftsbildung mit einem gut verwurzelten und artikulierten Ideenverständnis.

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Alternativlos hieß das Unwort dieses Jahres. Tun wir mal Eines und halten diesem Wort einmal so ganz andere, nämlich richtiggehend kunstvolle Wortzusammenrückungen wie z.B. “Ohnmachtselite” oder dem “Rückschrittmacher” entgegen. Und wer nicht, wenn der Rückschrittmacher könnte es sein als derjenige, der zu dem Wort “alternativlos” greift um das Alternativlose zur ultima ratio des nicht mehr kreativ Wandlungsfähigen zu machen, der etwas als letzte Alternative begreift und damit jede Frage danach abwürgt, ob es denn gleich dieser nicht noch eine andere Alternative geben könnte.

Man sieht schon: Hier schaffen Worte etwas ganz Anderes auf den Punkt zu bringen, wenn sie nämlich Brüchiges in Argumentationen bloßstellen und entlarven helfen. Mehr dazu ist nachzulesen in dem Kompendium Reizwörterbuch von Ulrich Namislow. In diesem Buch steckt dann auch die zutreffende Formulierung, “das Ungefähre der Bedeutungsbeziehung zwischen den zusammengerückten Wortgestalten einerseits und ihre regelmäßige Formschönheit andererseits” macht sie so reizvoll. Diese Reizworte, so genannte Wortkontaminate, bringen Krisenhaftes auf den Punkt, könnten beste Schlagzeilen entwickeln helfen und damit unserer Erkenntnis schlagartig auf die Sprünge helfen.

Ulrich Namislow, Reizwörterbuch. Für Wortschatzsucher. LOGO Verlag.

2003 war das Jahr als das NEW YORK TIMES MAGAZINE Testergebnisse des amerikanischen Hirnforschers Read Montague veröffentlichte. Anschließend kam es zu einem regelrechten Neuro-Boom. DU berichtet über die Hintergründe des andauernden Neuro-Booms, so z.B. über das Neuromarketing, und wägt Möglichkeiten und Grenzen der Neurowissenschaften ab. U. a. kommt die Neurobiologin Alumit Ishai zu Wort: Sie erforscht, was in unserem Gehirn eigentlich abläuft, wenn uns der Anblick des Gesichts eines Menschen glücklich macht. 

Im Kulturteil geht es noch einmal und ganz anders um die vielfältigen Verbindungen des Gehirns mit dem Film: vom Kopfkino über die Eskapaden der Surrealisten bis zum bösen Elektronengehirn der Science Fiction. Und dann noch ein Gespräch mit dem deutschen Autoren Ulrich Peltzer über den Umgang mit Weltverdruss. Peltzer hatte im vergangenen Winter die Dozentur für Poetikvorlesungen in Frankfurt inne. Sein Buch Bryant Park, das 2002 erschien, ist einer der wenigen deutschsprachigen Texte, in dem die Katastrophe von 9.11. gleichsam als Bruch im Medium eines litarischen Textes verarbeitet wurde.

Das Kulturmagazin DU wurde 1941 gegründet und hat seither einen festen Platz in Europa als bedeutende Stimme der Kultur und bietet zehnmal im Jahr ein fundiertes Themenheft aus dem weiten Feld der Kultur. Auch dieses Mal mit atemberaubenden Fotos zum Thema.

http://www.du-magazin.com/de/magazin/nachbestellungen/detailheft.htm?heftid=250

Mit seiner Timeline will Facebook gleich ein ganzes Leben dokumentieren

Augustinus sagte in den Confessiones “Drin tu ich alles dies, im unermesslich weiten Hause des Erinnerns”. Der Facebook Nutzer mag nun bald an der Zeitachse des Online-Graphen Timeline um das ein oder andere Mal ratlos werden, wenn er dort seine Memorabilien schön sortiert ablegen möchte. Er sollte wohl bald merken, wie schwierig es ist, einen Erinnerungsstrom so radikal aus dem Jetzt zu verwalten.

Für jedes große Ereignis im Leben bald ein Foto oder eher ein Youtube-Video oder ein Markenbekenntnis? Eines steht ganz sicher an: Die Timeline wird gerade nicht zu einem “eigenen” Ort des biographischen Selbst werden.  Read More