Dunkel leuchtende Welt eines versunkenen Amerika

Von dem bedeutenden niederländischen Kulturhistoriker Johan Huizinga sind nun auch für deutsche Leser seine Amerika Essays „Mensch und Masse in Amerika“, „Amerika – Leben und Denken“ sowie das jüngst auch erst in den Niederlanden veröffentlichte „Amerika-Tagebuch“ der 20er Jahre zugänglich.

Das vorliegende Buch offenbart dem Leser eine tiefschürfende Mentalitätsgeschichte Amerikas, die an keiner Stelle nur von einer abstrakten Erkenntnis lebt. Durch die vielen Bildern und Beobachtungen entsteht eine großartige Nähe zu vielen Einzelereignissen mit großartigen Skizzen zu vergangenen Welten. Das Buch gibt dem Leser das Gefühl, einer großartigen Erzählung beiwohnen. Die Kapitaleinteilung bezeugt den Blick auf die großen Besonderheiten amerikanischen Lebens und der amerikanischen Kultur jenseits der politischen Dimension: Kapitelüberschriften wie Individualismus und Assoziation, die Automatisierung des Gemeinschaftslebens und Staatssinn und Geschäftsgeist deuten dies an.

Huizinga charakterisiert den imperialen Kontinent vom Standort der ersten Kulturen, erzählt vom Mittleren Westen in einer Frühphase der Besiedlung, der eine ganz andere demokratische Architektur als die Ostküste hatte. Der Blick auf die prosperierenden Großmetropolen fehlt natürlich nicht, wenn man an die pessimistische Perspektive aus dem europäischen Blickwinkel (Th. W. Adorno) denkt: Doch Huizinga vermeidet Eines sehr geschickt, er spannt diesen Bogen zugunsten anderer Beobachtungen nicht erneut auf. Und damit wird der Raum frei für den behutsamen Aufschreibvorgang von Beobachtungen und Fallgeschichten, die, ganz interessant, eine dunkle (denken wir an die Bilder Walker Evans aus der Zeit der Großen Depression) aber auch lockende Welt jener Zeit charakterisieren: nur so verstehen wir heute etwas vom utopischen Idealismus der Amerikaner, ihn finden wir in den Notizen Huizingas beschrieben, ohne dass er gleich verstoßen wird: ein intellektueller Mehrgewinn!

Der Blick auf die Opposition der Siedlerbewegungen im 19. Jahrhundert des Mittleren Westen gegen die Kapitalismen der Ostküste (Nationalbank, Ohio Company) bietet damit eine gleichermaßen fundierte wie interessante Beobachtungslinie für die Ereignisse in der Finanzwelt heutiger Tage.

Buch: Johann Huizinga, Amerika, Wilhelm Fink Verlag

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: