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Archiv für den Monat November 2011

David Graeber, den die Businessweek den intellektuellen Inspirator von OWS nannte, zeigt in seinem großen Buch „Debt“ wo wir heute im Raum so vieler Verschuldenskrisen stehen. Die FAZ lobte Graeber darin, wie er aufzeigt endlich nicht mehr gezwungen zu sein, „im System der scheinbar ökonomischen Rationalität auf das System selber zu reagieren“.

Die Kulturzeit führte am 28. November letzten Jahres folgendes Interview mit ihm. Graeber spricht zur Verschuldungssituation weiter Bevölkerungsteile aus der US-Mittelschicht. Nicht wenige US-Bürger sind inzwischen in eine unendliche Verkettung von Geld, Schuld, und Kredit gekippt. Graeber fordert Konsequenzen. Lange Zeit konnten sich die Amerikaner immer ihrer Fairness in ihrer Gesellschaft rühmen. Die Statistiken zeigen etwas ganz Anderes: viele Amerikaner aus der Unterschicht und selbst aus der Mittelklasse haben schlechtere Aussichten als die Bürger viele europäischer Länder.

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Von dem bedeutenden niederländischen Kulturhistoriker Johan Huizinga sind nun auch für deutsche Leser seine Amerika Essays „Mensch und Masse in Amerika“, „Amerika – Leben und Denken“ sowie das jüngst auch erst in den Niederlanden veröffentlichte „Amerika-Tagebuch“ der 20er Jahre zugänglich.

Das vorliegende Buch offenbart dem Leser eine tiefschürfende Mentalitätsgeschichte Amerikas, die an keiner Stelle nur von einer abstrakten Erkenntnis lebt. Durch die vielen Bildern und Beobachtungen entsteht eine großartige Nähe zu vielen Einzelereignissen mit großartigen Skizzen zu vergangenen Welten. Das Buch gibt dem Leser das Gefühl, einer großartigen Erzählung beiwohnen. Die Kapitaleinteilung bezeugt den Blick auf die großen Besonderheiten amerikanischen Lebens und der amerikanischen Kultur jenseits der politischen Dimension: Kapitelüberschriften wie Individualismus und Assoziation, die Automatisierung des Gemeinschaftslebens und Staatssinn und Geschäftsgeist deuten dies an.

Huizinga charakterisiert den imperialen Kontinent vom Standort der ersten Kulturen, erzählt vom Mittleren Westen in einer Frühphase der Besiedlung, der eine ganz andere demokratische Architektur als die Ostküste hatte. Der Blick auf die prosperierenden Großmetropolen fehlt natürlich nicht, wenn man an die pessimistische Perspektive aus dem europäischen Blickwinkel (Th. W. Adorno) denkt: Doch Huizinga vermeidet Eines sehr geschickt, er spannt diesen Bogen zugunsten anderer Beobachtungen nicht erneut auf. Und damit wird der Raum frei für den behutsamen Aufschreibvorgang von Beobachtungen und Fallgeschichten, die, ganz interessant, eine dunkle (denken wir an die Bilder Walker Evans aus der Zeit der Großen Depression) aber auch lockende Welt jener Zeit charakterisieren: nur so verstehen wir heute etwas vom utopischen Idealismus der Amerikaner, ihn finden wir in den Notizen Huizingas beschrieben, ohne dass er gleich verstoßen wird: ein intellektueller Mehrgewinn!

Der Blick auf die Opposition der Siedlerbewegungen im 19. Jahrhundert des Mittleren Westen gegen die Kapitalismen der Ostküste (Nationalbank, Ohio Company) bietet damit eine gleichermaßen fundierte wie interessante Beobachtungslinie für die Ereignisse in der Finanzwelt heutiger Tage.

Buch: Johann Huizinga, Amerika, Wilhelm Fink Verlag

Der Kulturwissenschaftler Joseph Vogl deutet in einem Interview im 3sat-Fernsehen (Kulturzeit) das Phänomen der absoluten Finanzialisierung (Kapitalismus der Finanzmärkte) im Kontext einer bangen Instabilität – unter den Gesetzen des Finanzkapitalismus hält das Zufällige der Dynamik der Finanzmärkte Einzug als „ungebändigter Ereignissturm in die Mitte von Gesellschaften“ und zehrt unter allseits anerkannter und befürworteter Souveränität Budgets und Ressourcen für künftiges Handeln auf.

Kann die EU den EURO überhaupt dauerhaft retten, wenn das Schicksal des EURO doch ebenso von den Auswüchsen der Finanzökonomie bedrängt wird?

Buch: Joseph Vogl, Das Gespenst des Kapitals, diaphanes Verlag.