Occupy Bewegung – der Zauber eines Anfangs?

Wenn man sich einmal fragt, ob die Demonstranten am Zuccoti Park im Finanzdistrikt von Manhattan einen ähnlichen Protestwillen zeigen wie derzeit die aufgelaufene Menge am Platz der Frankfurter Zentralbank (Occupy Frankfurt), dann bleibt erst einmal festzustellen, dass die Gesellschaft in den USA sicherlich noch tiefer gespalten, die Schere zwischen poor and rich people ungleich größer ist: Aus diesen Gründen war die OWS-Bewegung im Big Apple gleich zu Beginn auch von den Bestrebungen der Gewerkschaften flankiert. Dennoch gibt es auch hier keinen hitzigen Aktivismus, direkte Demokratie wird täglich in der General Assembly praktiziert, einen übergeordneten Sprecher hat man gar nicht erst auserkoren. Und in Europa? Eine erstaunliche Analogie: Die Occupy-Bewegung teilt auch hier einen gemeinsamen und gleichen Zeichenvorrat für jede noch so kleine Kommunikationsgeste. Einige sprachen in der Tat davon, dass die Bewegung unschuldig sein soll! 

Vom Charakter ist der geordnete Protest kaum unterscheidbar von einem “stille Stimmen”-Prostest: Wollte man hier eine sich ins Innere zurückziehende Gesellschaft beobachten, so hätte selbst diese Interpretationsrichtung ihren berechtigten Reiz. Auch wenn die vielen Menschen in NYC ein bewegendes Bild der Mitmenschlichkeit transportieren, so fehlt dieser Bewegung derzeit doch eine kraftvoll inhaltlich geeinte Basis der Gemeinschaftsbildung mit einem gut verwurzelten und artikulierten Ideenverständnis.

Immerhin und das aus guten Gründen wurde der Keim zum Protest in NYC früher als in Europa gesäht! Haben die Amerikaner der Metropole (auch nur hier!) damit mehr kritischen Weltgeist bewiesen? Erinnern wir uns – zurück auf europäischen Boden und in Deutschland – an den anfänglich so “schlagkräftigen” Bürgerprotest um Stuttgart21. Trotz guter Absichten fühlt man sich hier eher an ein Kabinettstückchen erregter Demokratie erinnert: Dass es hier dieser Tage weiter geht, nimmt keiner mehr wahr. Das Thema Finanzkrise erfordert ob seiner Abstraktheit mehr: hierzu bedarf es eines noch längeren Atems.

Das Problem des Finanzkapitalismus ist, dass dieser schon mehrmalige typische Verlaufsformen seiner Auswüchse zeigte. Und bis heute ist darüber immer noch keine gemeinsam getragene Erzählung dieser Schwierigkeiten damit in unserem öffentlichen Raum entstanden, die über ein bloßes Sollen des Einsatzes von Mitteln der Rettung des Finanzsystems hinaus geht. Die Krise hat dieses Mal ihre Fahrt nicht über den Ozeon aufgenommen sondern rüttelt an den Festen des europäischen Hauses. Immer mehr Banken und deren potenzieller Niedergang sind eng mit der Krise der Staatshaushalte verwoben. Die EZB ist in die Staatsfinanzierung eingestiegen und leiht seit Monaten den Bankinstituten billiges Geld, um Investoren bei der Stange zu halten. Natürlich sind die Risiken einer vermehrten Kapitalbasis der Währungsfonds sehr groß. Diese und andere Initiativen bahnen den Volkswirtschaften keinesfalls einen sicheren und damit geebneten Weg in die Zukunft. Das Gespenst des modernen Kapitalismus hat nach 2008 abermals eine bedrohliche Kulisse aufgebaut. Wären Politiker ehrlich, müssten sie auch zum Ausdruck bringen, dass sie keinesfalls wissen welche Instrumente wirklich auf Dauer stabilisierend wirken. Alle pumpen sie vorerst viel Mittel (Geld) in das System, um den Systemkollaps zu verhindern. Ja, wir sind in einer Systemkrise! Wir sollten nicht nur das Funktionieren des dahinter linkenden Systems aufrechterhalten sondern wir haben auch die Verpflichtung, die Axiome ihres Funktionierens wieder enger und kritischer zu betrachten.

Noch wünschen die Politiker hierzulande z. B. Occupy Frankfurt reflexhaft alles Gute – damit könnte aber schon recht früh die Schlagkraft der Bewegung auf dem Prüfstand stehen. Die Bewegung wird nämlich erst dann an Ernsthaftigkeit gewinnen, wenn sich die Politik nicht mal eben schnell auf ein gemeinschaftliches “Wir ziehen am gleichen Strang” berufen kann. Die Occupy-Bewegung darf nicht mit der Stärke einer naiven Naturkraft wirken, denn dann wüsste sie nicht zu antworten, wenn sie nach den Wurzeln ihres Protestes und den Forderungen gefragt würde. Daher bedarf es unbedingt der Unterstützung durch intellektuelle Bündnispartner und guter erfahrener Kapazitäten wie z. B. der ATTAC – Bewegung. Vereinzelt sind in Frankfurt junge Fondsmanager auf die Straße gekommen und bekennen durchaus, dass etwas schief läuft. Nachdem der EU-Gipfel seine Lösungen umgesetzt haben wird, muss die Diskussion noch weiter gehen.

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