Das chronisch gewordene Jetzt

Mit seiner Timeline will Facebook gleich ein ganzes Leben dokumentieren

Augustinus sagte in den Confessiones “Drin tu ich alles dies, im unermesslich weiten Hause des Erinnerns”. Der Facebook Nutzer mag nun bald an der Zeitachse des Online-Graphen Timeline um das ein oder andere Mal ratlos werden, wenn er dort seine Memorabilien schön sortiert ablegen möchte. Er sollte wohl bald merken, wie schwierig es ist, einen Erinnerungsstrom so radikal aus dem Jetzt zu verwalten.

Für jedes große Ereignis im Leben bald ein Foto oder eher ein Youtube-Video oder ein Markenbekenntnis? Eines steht ganz sicher an: Die Timeline wird gerade nicht zu einem “eigenen” Ort des biographischen Selbst werden. Denn Facebook wird dem Biographen sein Erinnerungsjournal durchaus auch aus der Hand nehmen und es wie gewohnt übernehmen, automatisch weitere Informationen über Aktivitäten und Aufenthaltsorte (Handy Apps, Fernseh Apps, Anwendungen auf Facebook etc. sind hierfür verantwortlich) in den stetigen Strom aus Daten, Bildern und Videos zu werfen.

Hin und wieder tritt der Facebook Nutzer wieder aus dem Schatten vor die Rampe der Timeline und fügt dort selbst “seine” Gedächtnisinhalte mehr oder weniger sorgsam ein – dann ruckt die Zeitachse wieder an, ihr Band läuft, schnell vorwärts, selten zurück, wie auch? Mit eigenen Erzählungen wird der Nutzer seine “Einwürfe” dort nicht bereichern können. Die Erinnerungsorte auf Timeline sind dafür zu fix und als Räume zu knapp bemessen, um sich hier gar erinnernd bewegen zu können.

Timeline kann eben gar keine Chronik sein, in der und aus dieser heraus “Erinnerung spricht”. Denn Erinnerung “lebt” nicht von dem einen ursprünglichen Ort: Eine ars memoria bedeutete stets, dass Erinnerungen sich im Moment des Erinnerns immer wieder neu modulieren. Dies macht den Menschen zu einem Menschen und zeichnet ihn als diesen aus. Aus den wenigen Erinnerungspartikeln auf Timeline lässt sich eben kein Menschenleben rekonstruieren. Auf dieser schießt ein Bild nach dem anderen ein – und dies nicht einmal immer selbst vom Nutzer veranlasst. Wer will denn hier am Ende sein Leben erzählt haben?

Als Frage drängt sich auf, was mit diesen miniatürlichen Fetzen meines Selbst auf dem Online-Graphen von Timeline denn nun für den Nutzer erreicht ist? Schmachten und schwelgen will hier keiner, oder doch? Neutral gesehen mag man Timeline als ein radikal erweitertes Posting einordnen. Jedoch mit dem Unterschied, dass Facebook die wild gewordenen Auswüchse auf der Pinnwand mit mütterlichem Kehraus aufräumt und es unter der Hand schafft, bald noch mehr Datensätze vom Nutzer-Ich zu sammeln und ihm mit Timeline noch mehr Geheimnisse zu entlocken versteht.

Auch wenn das “Lieber nicht” in der Facebook-Gemeinde selten eine Option war, so bleibt zu vermuten, dass die jetzige mit einem starken Faceliftung eines jeden Profils einhergehende Veränderung durch Timeline doch an Grenzen des Erfreulichen stösst. Was ist mit zudem mit Jenen, die nie ein Tagebuch führten? Timeline wird nie ein Erinnerungsarchiv der herkömmlichen Art sein, da hier gar keine Entstehungsgeschichte mit entstehen kann und auch kein Ort, an dem Herkunftsgeschichten deutlich werden können.

Facebookgründer Zuckerberg tangiert dieses Mal eben gerade nicht die Vorstellung vom Leben an sich: das digitale Ich wird bei Timeline eher aus einer chronischen Jetztverfassung geboren und muss sich in der Situation des Erinnerns ganz unterordnen, in der es ähnlich wie auf einer starren Bahn durch die Stationen des Lebens gezogen wird. Hin und wieder verlieren sich auf dieser Strecke Bilder und Videos, an das Zurückschauen ist dabei nicht gedacht.

Es muss als ein Fehler gewertet werden, dass Facebook sich bislang nicht der Diskussion um das digitale Vergessen gestellt hat.

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