Padgett Powell, 1952 in Florida geboren, legt nach seinem Debüt “Edisto”, das bereits mit der Erzählkunst eines Mark Twain oder Tennesse Williams verglichen wurde, jetzt ein Buch ganz ohne Handlung vor, ein Romanprojekt das von ersten bis zur letzten Seite nichts als Fragen zusammenträgt. Allesamt Fragen, die den Blick auf die Realität unserer Umgebungswelten unbedingt intensivieren.

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„Jetzt in den Zeiten der Krise, merkt man, wie sehr das Verständnis für die kulturelle Diversität fehlt. Die Griechen hatten in den Zeiten des europäischen Wachstums ein enges Verhältnis zu den Deutschen. Jetzt sind sie empört, weil die Deutschen sie mit Arroganz behandeln“.

(Petros Markaris, griechischer Schriftsteller, seine Eindrücke bei einem Spaziergang in Athen, nachzulesen in derEuorpa-Beilage der SZ, 26. Januar 2012);

Nachzulesen: http://www.sueddeutsche.de/politik/reise-des-schriftstellers-petros-markaris-die-krise-hat-das-letzte-wort-1.1267452

Vielleicht wird die EU am Ende den vielbeschworenen Dominoeffekt in Bezug auf die Schuldenkrise Griechenlands höchstselbst ausgelöst haben. Sehen wir dazu einmal zurück: Im Grunde genommen leitete die EU-Troika die Trauerarbeit selber ein: denn die Trauer über einen Staat, der „verloren“ hat, setzte bereits mit der frühzeitigen  Kommunikation und den gezielten Zeichen, die die EU-Troika setzte (harte Auflagen zur Entschuldung) bzw. solchen, die sie (Signal an die Wertegemeinschaft) in eine andere Richtung nicht setzte.

Die EU-Troika führte ein rigoroses ökonomisches Patronat, wir wissen es. Zeitweilig wollte man Griechenland sogar einen Sparkommissar ins Land schicken und vor allem hörte man nicht auf, immer wieder  von einer möglichen Pleite zu reden. Diese Nachrichten ließen die Versuche der Troika ganz zwangsläufig bald nur noch als Reanimationsversuche an einem Staat erscheinen, der sich bereits überlebt haben sollte. Griechenland hatte sich dieser Logik zufolge schon selbst abgeschafft – dafür sorgten aber Andere und Anderes und das Verwerfliche daran ist, dass die EU all dies durch eine Art kommunikativen Super-Gau strapaziert hat.

Da die Troika so streng verbal exekutierte, verlor Griechenland seinen Wert. Während man so auf Hellas blickte, entsorgte man das Schicksal der griechischen Bürger gleich mit. Die schöne Erfahrung, die südlichen Länder wie Griechenland als Horte „seeliger Sehnsucht“, als Orte zur Senkung der Arbeitsmoral zu sehen – man mag sich an die  Anekdote Heinrich Bölls erinnern -, dieser schwelgende Zeitbetrachtung hat sich nun endgültig abgeschafft.

Die Bürger der EU werden nun gar nicht mehr zueinander finden und so wird alles kommen wie es die Exekutive der EU angestoßen hat. Nur das nun der Dominoeffekt zu erwarten ist, von dem man immer sprach, den man jetzt aber selbst anstieß: In Athen wuchs die Empörung, man wählte Tsirpas, dieser wendete sich empört von den fiskalpolitischen Auflagen ab, daraufhin mehrten sich die Anzeichen erster Kapitalflucht. Die Investoren haben begonnen, ihr Geld von den griechischen Banken abzuziehen und in anderen südlichen Länden passiert dieser Tage gerade Ähnliches. Von Schicksalswahlen im Juni in Athen muss man also nicht mehr reden! Ebenso wenig muss man nicht lange darüber mutmaßen, wer dies alles mit verursacht hat!


„Die Kompetenzillusion ist nicht nur ein individueller Urteilsfehler, sie ist tief in der Kultur der Wirtschaft verwurzelt. Tatsachen, die Grundannahmen in Frage stellen – und dadurch das Auskommen und die Selbstachtung von Menschen bedrohen -, werden einfach ausgeblendet“.

(Daniel Kahnemann, in der SZ, 26./27. Mai); nachzulesen: http://www.sueddeutsche.de/kultur/schnelles-denken-langsames-denken-misstraue-dem-vertrauten-1.1367484

Daniel Kahnemann, israelisch-amerikanischer Psychologe, erhielt 2002 mit Amos   Tversky für die entwickelte „Prospect Theory“ den Wirtschaftsnobelpreis.  Diese „Neue Erwartungstheorie“ zeigt u. a. auch wie instabil die Verhältnisse in Zeiten absoluter Finanzökonomie sind. Sein Buch liest sich wie eine Enzyklopädie der gesamten Verhaltensforschung/-ökonomie, es analysiert z. B. menschliches Problemlösungsverhalten.

In der Sendung ANNE WILL vom 15.02.2012, die den Titel „Griechenland brennt, Deutschland zahlt – EURO Rettung um jeden Preis“ trug, hatten wir es wieder, wenige Minuten vor dem Ende der Sendung sah der Zuschauer in einem Einspieler eine weinende Mutter, die ihre Tochter aus wirtschaftlicher Not in ein SOS-Kinderdorf gegeben hat und sie nur noch selten in die Arme schließen kann. Es war eine sichtlich aufwühlende Nachricht, die gute Ansteckungsbedingungen für eine sich hieran anschließende ernsthafte Diskussion mitbrachte. Doch dafür nahm man sich gar keine Zeit. Man begnügte sich damit, die Runde der Diskutanden filmreif in Großperspektive zu zeigen. Es sollte wohl genügen wie man sah, dass Einigen sichtlich der Klos im Halse stecken blieb. Ein Anderer, der zuvor mit aller Wucht das Schwungrad der Kritik eines poltischen Sachverwalters gegen Griechenland klappern ließ, schaute mitleidig. Aber das war es denn auch! – und die Sendung? sie war vorüber!

Muss die Meinungsdemokratie jetzt schon unter der bloßen Hoffnung funktionieren, dass wir noch Empathie und Interesse für Themen aus der Mitte der Gesellschaft zeigen könnten, ohne sie unter Beweis zu stellen? In Zeiten, in denen Gesellschaften sich immer mehr spalten, Gesellschaftsgruppen auseinander driften, nimmt der Enthusiasmus für das menschliche Schicksal, für die Verbesserung der Welt, in der wir leben, eher ab, so weiß es der US-Soziologe Richard Sennett, der derzeit an der London School of Economics lehrt. Der Grund dafür ist, dass Menschen z. T. aus Verunsicherung eher unter sich bleiben, da sie mit der Verschiedenartigkeit der Gesellschaft nicht mehr zurechtkommen.

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David Graeber, den die Businessweek den intellektuellen Inspirator von OWS nannte, zeigt in seinem großen Buch „Debt“ wo wir heute im Raum so vieler Verschuldenskrisen stehen. Die FAZ lobte Graeber darin, wie er aufzeigt endlich nicht mehr gezwungen zu sein, „im System der scheinbar ökonomischen Rationalität auf das System selber zu reagieren“.

Die Kulturzeit führte am 28. November letzten Jahres folgendes Interview mit ihm. Graeber spricht zur Verschuldungssituation weiter Bevölkerungsteile aus der US-Mittelschicht. Nicht wenige US-Bürger sind inzwischen in eine unendliche Verkettung von Geld, Schuld, und Kredit gekippt. Graeber fordert Konsequenzen. Lange Zeit konnten sich die Amerikaner immer ihrer Fairness in ihrer Gesellschaft rühmen. Die Statistiken zeigen etwas ganz Anderes: viele Amerikaner aus der Unterschicht und selbst aus der Mittelklasse haben schlechtere Aussichten als die Bürger viele europäischer Länder.

Von dem bedeutenden niederländischen Kulturhistoriker Johan Huizinga sind nun auch für deutsche Leser seine Amerika Essays „Mensch und Masse in Amerika“, „Amerika – Leben und Denken“ sowie das jüngst auch erst in den Niederlanden veröffentlichte „Amerika-Tagebuch“ der 20er Jahre zugänglich.

Das vorliegende Buch offenbart dem Leser eine tiefschürfende Mentalitätsgeschichte Amerikas, die an keiner Stelle nur von einer abstrakten Erkenntnis lebt. Durch die vielen Bildern und Beobachtungen entsteht eine großartige Nähe zu vielen Einzelereignissen mit großartigen Skizzen zu vergangenen Welten. Das Buch gibt dem Leser das Gefühl, einer großartigen Erzählung beiwohnen. Die Kapitaleinteilung bezeugt den Blick auf die großen Besonderheiten amerikanischen Lebens und der amerikanischen Kultur jenseits der politischen Dimension: Kapitelüberschriften wie Individualismus und Assoziation, die Automatisierung des Gemeinschaftslebens und Staatssinn und Geschäftsgeist deuten dies an.

Huizinga charakterisiert den imperialen Kontinent vom Standort der ersten Kulturen, erzählt vom Mittleren Westen in einer Frühphase der Besiedlung, der eine ganz andere demokratische Architektur als die Ostküste hatte. Der Blick auf die prosperierenden Großmetropolen fehlt natürlich nicht, wenn man an die pessimistische Perspektive aus dem europäischen Blickwinkel (Th. W. Adorno) denkt: Doch Huizinga vermeidet Eines sehr geschickt, er spannt diesen Bogen zugunsten anderer Beobachtungen nicht erneut auf. Und damit wird der Raum frei für den behutsamen Aufschreibvorgang von Beobachtungen und Fallgeschichten, die, ganz interessant, eine dunkle (denken wir an die Bilder Walker Evans aus der Zeit der Großen Depression) aber auch lockende Welt jener Zeit charakterisieren: nur so verstehen wir heute etwas vom utopischen Idealismus der Amerikaner, ihn finden wir in den Notizen Huizingas beschrieben, ohne dass er gleich verstoßen wird: ein intellektueller Mehrgewinn!

Der Blick auf die Opposition der Siedlerbewegungen im 19. Jahrhundert des Mittleren Westen gegen die Kapitalismen der Ostküste (Nationalbank, Ohio Company) bietet damit eine gleichermaßen fundierte wie interessante Beobachtungslinie für die Ereignisse in der Finanzwelt heutiger Tage.

Buch: Johann Huizinga, Amerika, Wilhelm Fink Verlag

Der Kulturwissenschaftler Joseph Vogl deutet in einem Interview im 3sat-Fernsehen (Kulturzeit) das Phänomen der absoluten Finanzialisierung (Kapitalismus der Finanzmärkte) im Kontext einer bangen Instabilität – unter den Gesetzen des Finanzkapitalismus hält das Zufällige der Dynamik der Finanzmärkte Einzug als „ungebändigter Ereignissturm in die Mitte von Gesellschaften“ und zehrt unter allseits anerkannter und befürworteter Souveränität Budgets und Ressourcen für künftiges Handeln auf.

Kann die EU den EURO überhaupt dauerhaft retten, wenn das Schicksal des EURO doch ebenso von den Auswüchsen der Finanzökonomie bedrängt wird?

Buch: Joseph Vogl, Das Gespenst des Kapitals, diaphanes Verlag.